Ungute Abhängigkeit: Wie CATL Europas E-Mobilität dominiert

Der chinesische Batteriehersteller Contemporary Amperex Technology Co. Limited (CATL) festigt seine marktbeherrschende Stellung in Europa und zwingt die etablierten europäischen Automobilhersteller in eine wachsende strategische Abhängigkeit. Während die EU durch die Ansiedlung von Produktionsstätten eigentlich Fertigungswissen nach Europa holen wollte, droht der Branchenriese stattdessen, zum Monopolisten für die Schlüsseltechnologie der Elektromobilität zu werden.

Die Dominanz in Zahlen und Werken 

Mit einem weltweiten Marktanteil von aktuell über 38 % an der installierten Leistung von Lithium-Ionen-Batteriezellen (LIB) ist CATL der unangefochtene globale Marktführer (BYD an Platz 2 bringt es auf ca. 17%, danach LG). Jeder vierte von zehn neu zugelassenen Stromern fährt mit Batterien des Konzerns. Dieser Know-How Vorsprung der asiatischen Hersteller von schätzungsweise 15 bis 20 Jahren wird Europa im Alleingang kaum aufholen können.

CATL nutzt seine dominante Stellung für eine aggressive Lokalisierungsstrategie in Europa:

  • Deutschland (Arnstadt, Thüringen): Die Produktion für Kunden wie Volkswagen läuft bereits seit Ende 2022. Das Werk beschäftigt rund 1.700 Menschen und soll sukzessive hochgefahren werden.
  • Ungarn (Debrecen): Hier entsteht derzeit Europas größte Batteriefabrik mit einer geplanten Jahreskapazität von 100 Gigawattstunden (GWh). Ab Herbst dieses Jahres sollen hier Batteriezellen für BMW (Neue Klasse) und Mercedes-Benz gefertigt werden. Ein Großteil der 4,6 Milliarden Euro aus dem Börsengang von CATL in Hongkong floss in die Finanzierung dieses Mega-Projekts.
  • Spanien (Saragossa): In Kooperation mit Stellantis ist ein weiteres Werk mit 50 GWh Kapazität geplant.

Durch die Errichtung dieser Gigafabriken direkt vor den Toren der europäischen Werke von Volkswagen, BMW, Mercedes und Stellantis garantiert CATL seinen Großkunden passgenaue und zuverlässige Lieferketten.

Die Gratwanderung der europäischen Autobauer 

Für europäische Hersteller stellt die Partnerschaft mit CATL eine strategische Zwangslage dar. Angesichts des massiven Know-how-Vorsprungs ist eine sofortige Unabhängigkeit unrealistisch, der Technologischer Rückstand zu groß. Experten wie Prof. Dirk-Uwe Sauer (RWTH Aachen) sehen Kooperationen als notwendig an, um überhaupt zu verstehen, wie die Technologie in Serie gebracht werden kann. Pleiten wie die von Northvolt zeigen, dass es mehr bedarf als geeigneter Maschinentechnik und eines grundsätzlichen Verständnisses der Technologie.

Allerdings steigt die Abhängigkeit mit jeder Gigawattstunde, die CATL in Europa produziert und erhöht damit das strategische Risiko. Die Abhängigkeit betrifft nicht nur die Batteriezelle selbst, sondern droht, sich auf weitere Kernbereiche des Fahrzeugs auszudehnen.

Vom Zulieferer zum direkten Konkurrenten 

Die Sorge der europäischen OEMs wird dadurch verstärkt, dass CATL in China bereits beginnt, aus der Rolle des reinen Zelllieferanten herauszuwachsen und in die Fahrzeugentwicklung vorzustoßen. Mit eigenen Elektroplattformen wie dem CATL Intelligent Integrated Cockpit bietet das Unternehmen ein Chassis an, das Batteriemanagement, Kühlsysteme, Bremsen und Antriebsstrangkomponenten umfasst.

Damit entwickelt sich CATL ähnlich wie BYD zum direkten Konkurrenten der modularen Baukästen europäischer Hersteller (wie dem MEB von Volkswagen) und gewinnt die Kontrolle über die entscheidenden und werthaltigsten Fahrzeugkomponenten.

Vorprodukte vor der Zellfertigung 

Die Dominanz der chinesischen Unternehmen CATL und BYD ist nicht auf die bloße Zellproduktion beschränkt, sondern erstreckt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette, insbesondere auf die Verarbeitung der kritischen Rohstoffe. China beherrscht die Raffination und Veredelung von Schlüsselmaterialien wie Lithium, Kobalt und Graphit mit Marktanteilen, die in einigen Bereichen weit über 80 % liegen. Europäische oder amerikanische Unternehmen wie Tesla, die zwar Rohstoffe direkt aus Minen beziehen können, müssen diese zur chemischen Veredelung oft nach China schicken, da vor Ort die notwendigen Kapazitäten fehlen. Diese Kontrolle über die Mittelstufen der Lieferkette – von der Umwandlung von Erz in Batteriematerialien – ist ein noch fundamentaleres geopolitisches und wirtschaftliches Machtinstrument als die bloße Endmontage der Zellen durch CATL und BYD. Dies macht selbst Tesla und seine westlichen Zulieferer strukturell von der chinesischen Veredelungsindustrie abhängig.

Befreiungsschlag Natrium-Ionen-Batterie? 

Die Natrium-Ionen-Batterie (NIB) ist eine potenzielle technologische Lösung zur Verringerung der Abhängigkeit von chinesischen Unternehmen, da sie auf leicht verfügbaren Rohstoffen basiert. Allerdings bietet die Technologie keine allzu schnelle oder gar vollständige Unabhängigkeit von der chinesischen Produktionsdominanz, die sich über die gesamte Lieferkette erstreckt.

Man könnte meinen, die primäre Herausforderung besteht im Skalieren der neuen, spezifischen Materialien und in der technischen Optimierung (Energiedichte, Lebensdauer), um eine wirtschaftliche Alternative zur etablierten Lithium-Technologie zu werden. Ein vermeintlicher Vorteil der NIB Produktion ist jedoch auch die wesentliche Herausforderung für westliche Unternehmen: Die Herstellung von Natrium-Ionen-Batterien kann sehr gut auf Produktionslinien für LIB adaptiert werden. Doch da kommen wir dann wieder an den Anfang zurück: die Dominanz von CATL bei der Produktionskapazität.

Geopolitische Signale 

Geopolitisch steht die Expansion von CATL unter Beobachtung: Die US-Regierung hat CATL bereits auf eine Liste von Unternehmen mit mutmaßlichen Verbindungen zum chinesischen Militär gesetzt. Obwohl derzeit keine direkten Sanktionen bestehen, gilt dies als deutliche Warnung. Ein geplanter US-Gesetzesentwurf soll den Kauf chinesischer Batterien durch staatliche Stellen ab 2027 generell untersagen.

Während Europa über gezielte Förderungen versucht, den Wissenszufluss zu lenken, zeigen die Gigafabriken in Arnstadt, Debrecen und Saragossa vor allem eines: CATL steht exemplarisch für eine neue Dynamik, in der nicht mehr Europa Chinas Aufstieg zur Autonation vorantreibt, sondern umgekehrt, China die Zukunft der europäischen E-Mobilität maßgeblich bestimmt.

PS: Den Insidern in der Automobilbranche ist dieser Kontext natürlich bestens bekannt und Situationen wie derzeit bei Nextera ein sehr deutlicher Hinweis auf das Risiko, das besteht.