Le Linge und Schratzmaennele – Gedenken an den 1. Weltkrieg

Weil das Wetter eh schon ziemlich mies ist und Regen vorhergesagt, fällt der Abstieg vom Vogesenhauptkamm nicht schwer. In Obey gibt es Diesel, Brötchen und Frischwasser für die letzten Tage des Einwochenurlaubs, dann geht es Richtung Soultzeren. Kurz vor und am 1044 m hohen Schratzmaennele liegen zwei große Soldatenfriedhöfe – gefallene Soldaten aus dem ersten Weltkrieg.

Diese Wanderung und die begleitenden Informationen sind bedrückend, wenn man bedenkt, wie viele Menschen hier in 1. Weltkrieg ihr Leben gelassen haben. Angesichts des langsam alles überdeckenden Vogesenwaldes kann man nur hoffen, dass der Gedanke an noch einen Krieg ebenso in Vergessenheit gerät wie die zahllosen Befestigungen und Schützengräben am Lingekopf.

Vom Parkplatz an der Wegekreuzung und dem Friedhof für die gefallenen Deutschen aus geht es parallel parallel zur Strasse über einen schönen Waldweg zum 500 Meter entfernten Lingekopf. Diese Bergnase war strategisch wichtig für die Beherrschung des Munstertals und daher schwer umkämpft. Innerhalb weniger Monate verloren im Herbst 1915 an die 18.000 Soldaten bei dem Versuch, die Kuppe unter deutsche oder französische Beherrschung zu bringen – dann gab es drei Kriegsjahre lang keine Veränderung mehr. Die Stellungen waren zum Teil nur 10 Meter voneinander entfernt.

Das Museum und das anschließende Gelände geben eindrücklich wieder, wie dieser Stellungskrieg gewesen sein muß. Auf drei verschiedenen Strecken erkundet man zwischen 45 Minuten bis 1 ¾ Stunden unzählige Schützegräben, Unterstände und Maschinengewehrnester.

Von hier aus geht es gut 50 Höhenmeter hinauf zum Schratzmaennele. Auch hier gab es Bunkerstellungen und zahlreiche Schützengräben, die allerdings nicht freigelegt worden sind. Der Abstieg zum Barrenkopf wird begleitet von weiteren Befestigungen – heute überwuchert vom Mischwald. Kurz vor einer weiteren, freigelegten Befestigung am Barrenkopf führt der Weg entlang einer offenen Wiesenfläche – hier lagen sich die beiden Gegner auf nur 15 Meter Entfernung in den Schützengräben gegenüber. Was ein Wahnsinn!

Der Rückweg führt nach insgesamt rund 5 km über einen Waldweg zurück zum Parkplatz am Soldatenfriedhof. Es gibt allerdings einen erheblich größeren und ausgeschilderten Weg (Circuit Historique 1914-18 Hohrodberg – Linge).


Die vergessene Hölle am Lingekopf bei Orbey

Wer heute über den sanften Vogesenkamm unweit der elsässischen Gemeinde Orbey wandert, blickt auf eine idyllische Naturkulisse: Grüne Wälder, weite Täler und friedliche Heidelandschaften. Doch unter dem Moos und den Heidelbeersträuchern des *Lingekopfs* (französisch: Le Linge, 986 Meter) verbirgt sich eines der am besten erhaltenen und gleichzeitig grausamsten Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs.

Hier, wo die Stellungen der Franzosen und Deutschen oft weniger als zehn Meter voneinander entfernt waren, starben im Sommer 1915 innerhalb weniger Monate rund 17.000 Soldaten – für einen minimalen Geländegewinn, der am Ende nichts am Kriegsverlauf änderte.

Zu Beginn des Jahres 1915 war der Bewegungskrieg an der Westfront endgültig erstarrt. Während sich die großen Armeen im Norden Frankreichs eingruben, entwickelte sich in den Vogesen eine ganz eigene, erbarmungslose Form des Kampfes: der *Gebirgskrieg*.

Die französische Führung unter General Nollet wollte die Berge nutzen, um in die elsässische Ebene Richtung Colmar vorzustoßen. Der Lingekopf bildete dabei einen entscheidenden strategischen Knotenpunkt. Wer die Höhe kontrollierte, kontrollierte den Zugang zum Tal von Munster.

Doch die deutschen Truppen (vor allem Einheiten der 6. bayerischen Landwehrdivision unter General Gaede) hatten die Monate zuvor genutzt. Sie verwandelten die Bergkuppe in eine regelrechte Festung:

  •   In den massiven Granit geschlagene und betonierte Schützengräben
  • Unterirdische Stollen und bombensichere Bunker
  • Strategisch platzierte Maschinengewehr-Nester mit freiem Schussfeld auf die ungeschützten Hänge

 Der Sommer der Hölle (Juli bis Oktober 1915)

Am 20. Juli 1915 begann die französische Großoffensive. Die Hauptlast der Angriffe trugen die französischen Chasseurs alpins (Alpinjäger), auch bekannt als die „blauen Teufel“. Was als schneller Vorstoß geplant war, lief sofort in eine Katastrophe.

Die Soldaten mussten ein von der Artillerie völlig zerfetztes, steiles und offenes Wiesengebiet (La Courtine) hinaufstürmen. Ohne nennenswerte Deckung rannten sie direkt in das Abwehrfeuer der bayerischen Landwehrregimenter.

Die Intensität der Kämpfe erreichte im August ihren traurigen Höhepunkt: 

Juli 1915

Nach heftigem Trommelfeuer gelingt es den französischen Jägern unter enormen Verlusten, Teile der vorderen deutschen Linien am Lingekopf und Barrenkopf zu besetzen. Die Verteidiger ziehen sich in die perfekt ausgebauten Bunker knapp dahinter zurück.

August 1915: Flammenwerfer und Handgemenge

Die Kämpfe erreichen ihren grausamsten Höhepunkt. Die deutsche Armee setzt massiv Flammenwerfer und Gasgranaten ein, um die Franzosen aus den eroberten Gräben zu treiben. Es kommt zu tagelangen Nahkämpfen mit Bajonetten und Spaten auf engstem Raum.

Oktober 1915: Das Erlahmen der Offensive

Nach unzähligen verlustreichen Gegenangriffen beider Seiten friert die Frontlinie endgültig ein. Die Franzosen halten einen winzigen Teil des Hanges, die Deutschen die strategisch wichtigen Höhenkuppen.

Ab November 1915 bis zum Waffenstillstand im Jahr 1918 passierte am Lingekopf fast nichts mehr. Es folgten drei Jahre zermürbender Postenkrieg und Artillerieduelle, ohne dass sich die Linien auch nur um einen Meter verschoben.

Das Schlachtfeld heute: Ein Mahnmal aus Stein und Eisen

Dass der Lingekopf heute nicht einfach ein vergessener Waldhügel ist, verdankt er seiner Topografie. Da sich die Front danach beruhigte und die Gräben teils tief in den Fels gehauen waren, blieben die Anlagen außergewöhnlich gut erhalten.

Heute befindet sich dort das *Musée Mémorial du Linge*. Wer durch die Anlage geht, spürt sofort die beklemmende Nähe der damaligen Gegner: Die rekonstruierten französischen Schützengräben aus Holz und Erde liegen nur einen Steinwurf entfernt von den massiven deutschen Granitmauern und Betonbunkern. Im angeschlossenen Museum zeugen tausende Fundstücke – von persönlichen Briefen über verrostete Helme bis hin zu Taschenuhren – vom harten Alltag und dem Sterben der jungen Männer.

Der Lingekopf ist damit neben dem Hartmannswillerkopf eines der eindringlichsten Denkmäler des Ersten Weltkriegs im Elsass. Ein Ort, der eindrücklich zeigt, wie die machtpolitische Logik des industrialisierten Krieges jede Menschlichkeit verschlang.