Die Hochvogesen - Alpenfeeling auf 1200 m Höhe

Wer am Col de la Schlucht einen der schmalen Pfade in den Wald hinein wählt – etwa über den spektakulären, ausgesetzten Sentier des Roches (Felsenweg) - , betritt augenblicklich eine andere, fast mythische Welt. Die Luft hier oben auf über 1100 Metern ist selbst im Frühsommer oft kühl, feucht und riecht intensiv nach Moos, harzigem Nadelholz und nasser Erde. Jeder Schritt über den von dicken Wurzeln und schroffen Granitsteinen durchsetzten Waldboden verlangt Konzentration, doch der Blick wird unweigerlich von der wilden Urwüchsigkeit der Natur gefesselt. Hier regiert das raue Klima der Hochvogesen, geprägt von atlantischen Westwinden, heftigen Stürmen und langen, schneereichen Wintern. Die Bäume erzählen die dramatische Geschichte dieses Wetters: Uralte Rotbuchen stehen wie knorrige, tief zerfurchte Wächter am Hang, ihre Äste bizarr verrenkt und von Flechten überzogen. Dazwischen klammern sich windgebeutelte Birken und Erlen an den steilen, felsigen Abhängen fest, während sturmerprobte Tannen stoisch den Kräften der Natur trotzen. Je höher man steigt, desto skurriler wird das Waldbild, bis schließlich die zähen Krüppelkiefern und sogenannten Krüppelbuchen das Bild dominieren – Bäume, die durch die schiere Last des Schnees und die unbarmherzigen Winde in ihrem Wachstum gestaucht und bizarr verformt wurden.

Folgt man den verschlungenen Pfaden weiter bergauf und lässt das schützende, lichte Blätterdach des Bergwaldes hinter sich, öffnet sich die Landschaft mit einer überwältigenden Plötzlichkeit. Man erreicht die oberste Gipfeletage der Region, die von einer absoluten Besonderheit der Hochvogesen geprägt ist: den weitläufigen Hochweiden, im Französischen Hautes Chaumes genannt. Diese baumlosen, tundraähnlichen Hochebenen erstrecken sich über die sanft abgerundeten Bergrücken, die sogenannten Ballons, und bieten eine schier endlose Weite. Wenn man aus dem rauen Wald auf diese Plateaus hinaustritt, spürt man sofort den ungehinderten, frischen Wind im Gesicht und wird von einem grandiosen Panorama über das Münstertal bis hin zu den fernen Alpen belohnt. Botanisch sind diese Flächen ein Schatzkästchen, auf dem Zwergstrauchheiden, Heidelbeeren, Borstgras und seltene Bergkräuter gedeihen. Die Entstehung der Hautes Chaumes ist eng mit der jahrhundertealten Tradition der Bergbauern verbunden, die ihre Vogesenrinder – die charakteristische Vosgienne-Rasse – im Sommer zur Sömmerung auf diese Hochweiden treiben. Dieses Zusammenspiel aus wilder, sturmerprobter Waldnatur, schroffen Felsabbrüchen, auf denen mit etwas Glück sogar Gämsen zu beobachten sind, und der beruhigenden, weiten Stille der sanften Hochweiden macht das Wandern rund um den Col de la Schlucht bis zum Batteriekopf oder dem Kammweg über dem Lac Blanc zu einem tief beeindruckenden und unvergesslichen Erlebnis.